Katharina Schulze

im bayerischen Landtag

Fachgespräch zur „Trümmerfrauen“-Debatte

Oma und Opa – Helden oder Nazis?

3. Dezember 2014 in Aktuelles, Gegen Rechts, Unterwegs | Keine Kommentare

Verhüllung des Denkmals am MarstallplatzAnfang Dezember 2013 verhüllte mein Kollege Sepp Dürr und ich das Trümmerfrauendenkmal in München. Die Aktion fand ein großes mediales Echo und führte zu teilweise heftigen Reaktionen von Teilen der Bevölkerung, die uns unter anderem vorwarfen, ihre Großeltern als Nazis zu verunglimpfen. Um die Faktenlage zu den Trümmerfrauen zu klären und Ansätze für eine moderne Gedenkkultur in Bayern zu finden, luden wir Historikerin Dr. Leonie Treber, den Historiker Dr. Andreas Heusler und BürgerInnen zum Gespräch in den Landtag.

Anlass für die Verhüllung Ende 2013

Sepp Dürr hat in seiner Einführungsrede nochmals an den Anlass der Verhüllung erinnert: Trotz eines ablehnenden Votums des Münchner Stadtrats hatte der gelernte Historiker, Bildungs- und Wissenschaftsminister Spaenle wider besseres Wissen einem kleinen CSU-Verein staatlichen Grund zur Verfügung gestellt, damit dieser einen Gedenkstein für die sogenannten „Trümmerfrauen“ als Dank und Anerkennung für ihre Aufbauleistung in der Nachkriegszeit errichten konnte. An der Einweihung nahm er persönlich teil.

„Spaenle hat sich damit als Geschichtsfälscher entlarvt und den mühsam hergestellten Konsens in der Erinnerungskultur eines verantwortlichen Umgangs mit der NS-Vergangenheit und historischer Genauigkeit aufgekündigt“, so Sepp Dürr. Die große Mehrheit unserer Mütter- und Großmüttergeneration habe während und nach dem Krieg viel gelitten und geleistet, aber „wer heute daran erinnert, ohne einen Zusammenhang zur Vorgeschichte und zum unsäglichen Leid, das Nazi-Deutschland über Millionen anderer gebracht hat, herzustellen, verzerrt die Verhältnisse auf unerträgliche Art und Weise“.

Historikerin Treber: Mythos Trümmerfrauen

Dr. Leonie Treber zu Trümmerfrauen im München der Nachkriegszeit

Dr. Leonie Treber zu Trümmerfrauen im München der Nachkriegszeit

Die Historikerin Dr. Leonie Treber, Autorin des Buchs „Mythos Trümmerfrauen“, pflichtete in ihrem Vortrag unserer Kritik bei. Es seien nicht in erster Linie die Frauen gewesen, die im und nach dem Krieg in Deutschland den Trümmerschutt beiseite geräumt haben, abgesehen allenfalls von Berlin, und auch dort käme ihnen der Verdienst nur für kurze Zeit unmittelbar nach 1945 zu.

Die Bevölkerung – ob Männer oder Frauen – hätten sich nur an den Aufräumarbeiten beteiligt, weil sie als Gegenleistung Lebensmittelkarten erhielten. Hauptsächlich aber hätten die Aufgabe deutsche Kriegsgefangene und NS-Parteigänger erledigt und v.a. kommerzielle Baufirmen, die die dazu notwendigen Räumgeräte besaßen.

Bis in die 80er Jahre sei der Begriff der Trümmerfrauen in Westdeutschland im Unterschied zur DDR, die ihn ideologisch instrumentalisierte, unbekannt gewesen. Es sei nicht zuletzt dann die Frauengeschichtsschreibung gewesen, so Treber, die ihn salonfähig gemacht habe. In den Jahren nach 2000 hätten ihn die Rechten für ihre Zwecke entdeckt.

Historiker Heusler vom Münchner Stadtarchiv zur Situation in München

Der Historiker Dr. Andreas Heusler vom Stadtarchiv München erläuterte in der anschließenden Podiumsdiskussion die spezifisch Münchner Nachkriegssituation. Lediglich 1 % der Bevölkerung, etwa 7.000 Menschen, seien den Aufrufen zur Trümmerbseitigung wie u.a. dem berühmten „Rama Dama“ des damaligen Münchner Oberbürgermeisters Thomas Wimmer gefolgt. Gerade für München sei es historisch falsch, auf die Leistung der „Trümmerfrauen“ zu verweisen. Deshalb hatte sich der Stadtrat dem wiederholten Ansinnen einer Denkmalerrichtung verweigert.

Katharina Schulze auf dem Podium zur Erinnerungskultur

Katharina Schulze auf dem Podium

Ich möchte erneut allen Teilnehmern für die intensive Diskussion im Landtag danken – für eine moderne Erinnerungs- und Gedenkkultur ist die fundierte Aufklärung über die zeithistorischen Tatbestände essenziell. Wir Grüne werden das Thema weiter vorantreiben.

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