Katharina Schulze

im bayerischen Landtag

Zukunft

Digital – aber richtig!

9. September 2017 in Im Parlament, Unterwegs | Keine Kommentare

Über die Digitalisierung wird oft geredet wie über die Überhitzung des Erdklimas: als etwas, was uns noch bevorsteht. Dabei hat sich das Erdklima längst verändert und wir stecken mitten in der Digitalisierung. Ob wir wollen, dass Algorithmen und digitale Technologie unser Leben durchdringen – das können wir nicht mehr entscheiden. Aber wir können den Prozess steuern und die Rahmenbedingungen setzen. Dazu müssen die richtigen Fragen gestellt werden. Und zwar jetzt.

Viele Fragen über die Digitalisierung sind ungeklärt

Wie machen wir unser Land fit für die Digitalisierung? – wer nur diese Frage stellt, zeigt einen Mangel an politischem Gestaltungswillen. Stattdessen geht es darum, Digitalisierung in den Dienst der richtigen Ziele zu stellen:

Wie hilft Digitalisierung, den Zugang zu Wissen und Informationen zu erleichtern? Wie hilft sie uns, Mobilität besser zu organisieren? Wie hilft sie uns, unser Energiesystem effizienter zu machen? Wie hilft sie uns, die Gesundheitsversorgung und die Pflege zu verbessern? Und es gilt, neben den Chancen über die Risiken zu sprechen. Was passiert mit den ArbeitnehmerInnen, die durch die Digitalisierung ihren Job verlieren? Wie können wir sicherstellen, dass wir die Souveränität über unsere Daten behalten? Was wird aus unserer Autonomie, wenn die Künstliche Intelligenz so rasante Fortschritte macht wie das manche ExpertInnen behaupten?

Die Digitalisierung verändert alles …

Wer Digitalisierung auf Fragen der Wettbewerbsfähigkeit und der Qualität des Standorts reduziert, hat ihre weitreichenden kulturellen Folgen nicht verstanden. Das beginnt bei der Infragestellung von Hierarchien und Autoritäten. Wo Herrschaftswissen zunehmend schwindet, werden sie hinterfragt. Der Arzt, der seine Therapie gegenüber Fundstellen aus dem Netz rechtfertigen muss. Die Journalistin, die auf auf Social Media selbst einem Fakten-Check ausgesetzt ist.

Und es hört nicht auf bei der Frage, wieviel Privatsphäre wir bereit sind, aufzugeben. Erkaufen wir niedrigere Beiträge zur Krankenkasse damit, dass wir die Daten unseres Fitness-Trackers hergeben und machen transparent, wie und wann wir laufen, lieben, leben? Wieviel Veränderung sind wir bereit zu akzeptieren? Bezahlen wir künftig einfach mit dem Chip unter der Haut? Lassen wir uns im Alter von einem Pflegeroboter versorgen, der nichts vergisst, zuverlässig ist und nie schlechte Laune hat, dafür aber auch keine menschliche Wärme?

… und sie bietet so viele Chancen!

Wir sollten auch beginnen zu begreifen, dass wir nicht nur ein Werkzeug gegen das andere austauschen. Besonders deutlich wird dies an den Schulen. Digitalisierung bedeutet weitaus mehr als die Schultafel durch ein Whiteboard zu ersetzen oder das Schulbuch in digitaler Form zu haben. Sie stellt die bisherige Form des Unterrichts – eine Lehrkraft vermittelt das Wissen an eine Klasse – infrage. Sie verändert die Rolle der LehrerIn: Denkbar ist etwa, dass die reine Wissensvermittlung durch digitale Instrumente, z.B. durch Videos erfolgt, die LehrerIn dadurch aber viel mehr Zeit hat, auf individuelle Bedürfnisse und Lerngeschwindigkeiten einzugehen. Das wäre in einer Gesellschaft, die heterogener wird, eine große Chance.

Die digitale Welt erfordert aber auch eine neue Gewichtung der Lernziele: Weniger Gewicht auf die Vermittlung von Fakten-Wissen, das nur einen Mausklick entfernt ist, mehr Gewicht auf Eigenständigkeit, Problemlösungskompetenz, Teamfähigkeit und Kreativität – genau den Kompetenzen, die in der digitalen Arbeitswelt gefragt sind. Aber auch auf die Fähigkeit, Fakten zu prüfen und Behauptungen kritisch zu hinterfragen, um sich in der digitalen Wissensgesellschaft souverän bewegen zu können und über entsprechende Urteilskraft zu verfügen. Bereits diese wenigen Beispiele machen klar, wie weitreichend die Digitalisierung unser Leben verändert. Sie stellt viele alte Gewissheiten in Frage  – eine Herausforderung, die wir bestimmt nicht dadurch lösen, dass wir sie totschweigen.

Wir machen die Digitalisierung fit für Bayern

Wer Digitalisierung so gestalten will, dass sie das Leben der Menschen besser macht, braucht starke Wurzeln. Dafür braucht es Verständnis der technologischen Entwicklungen und ihrer möglichen Auswirkungen. Dafür braucht es aber auch erstmal den Infrastrukturausbau: Schnelles Internet ist Daseinsvorsorge, aber Bayern liegt im hinteren Mittelfeld im Vergleich der Bundesländer.

Dafür braucht es auch die Bereitschaft, offen über Chancen und Risiken zu diskutieren: Es macht keinen Sinn, den Menschen ein digitales Disneyland vorzugaukeln. Und es braucht den Mut und die Entschlossenheit, die Frage zu stellen: Wie können wir die Digitalisierung fit machen für unser Land?

Meine Rede zu Digitalisierung im Plenum

Zum Weiterlesen: Mein Kommentar zu Algorithmen

Gerade weil die digitale Vernetzung und der Einsatz von Algorithmen unseren Alltag verändern, müssen wir die Digitalisierung gestalten. Wichtig ist uns Grünen, dass die Privatwirtschaft, die die Digitalisierung maßgeblich vorantreibt und von ihr profitiert, sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Ich finde, Algorithmen brauchen ein ethisches Fundament! Weiterlesen…

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