Auswärts-Fraktionssitzung im Donaumoos – neue Initiativen zu Mooragentur, Paludikultur, Moor-PV und Bioökonomie – Katharina Schulze: „Bayern hat enormes Potenzial – dafür braucht es endlich mehr Tempo, klare politische Prioritäten und verlässliche Rahmenbedingungen.”
Donaumoos/München (10.06.26) Die Landtags-Grünen wollen den Schutz und die Wiedervernässung von Mooren in Bayern deutlich beschleunigen und zugleich neue wirtschaftliche Perspektiven für Landwirtschaft und ländliche Räume schaffen. Im Rahmen ihrer auswärtigen Fraktionssitzung im Donaumoos haben die Abgeordneten gemeinsam mit Vertreter*innen aus Landwirtschaft, Naturschutz und Wissenschaft über konkrete Schritte für eine zukunftsfähige Moorpolitik beraten.
Im Mittelpunkt stand dabei neben den Themen Klimaschutz und Biodiversität durch Moorrenaturierung auch die Frage, wie die dringend notwendige Wiedervernässung auch mit landwirtschaftlicher Nutzung gelingen kann, indem neue wirtschaftliche Potenziale durch Paludikulturen und Moor-Photovoltaik erschlossen werden.
An der Fraktionssitzung und dem anschließenden fachlichen Rundgang im Donaumoos nahmen unter anderem Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende, Patrick Friedl, Sprecher für Naturschutz und Klimaanpassung, Dr. Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV), Annemarie Rädervom BUND-Naturschutz Bayern, Donaumoos-Landwirtin Ulla Eller, der stellvertretende Landrat des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen, Dr. Johann Habermeyer, sowie Neuburgs neuer Grüner Oberbürgermeister Gerhard Schroder teil. Der Austausch vor Ort machte deutlich: Intakte Moore sind nicht nur unverzichtbar für den Klimaschutz und den Wasserhaushalt, sondern können auch Grundlage neuer regionaler Wertschöpfung werden.
Die Landtags-Grünen bringen deshalb mehrere neue parlamentarische Initiativen in den Bayerischen Landtag ein (Anträge s. unten). Unter anderem fordern sie, den Schutz und die Wiedervernässung von Mooren ausdrücklich als „überragendes öffentliches Interesse“ festzustellen und rechtlich stärker zu verankern. Moore seien zentrale natürliche Kohlenstoffspeicher und zugleich unverzichtbare Lebensräume für zahlreiche bedrohte Arten.
Die Grünen fordern außerdem eine strategische Neuausrichtung bei der Moorbewirtschaftung im Rahmen eines ganzheitlichen „Programms Moorwirtschaft Bayern“: Moorlandwirtschaft unter nassen oder wiedervernässten Bedingungen soll als eigenständige landwirtschaftliche Produktionsform anerkannt und entwickelt werden mit dem Ziel, ein zukunftsfähiges Nutzungssystem zu etablieren, das Klimaschutzleistung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und regionale Wertschöpfung zusammenführt. Dazu gehört auch der gezielte Aufbau funktionierender Wertschöpfungsketten für Produkte aus nasser Moorbewirtschaftung.
Darüber hinaus setzen sich die Grünen für den Aufbau einer eigenständigen Mooragentur ein, die künftig die Transformation der Moorbewirtschaftung zentral koordinieren, Landwirt*innen beraten sowie Förderprogramme, Forschung und Wertschöpfungsketten zusammenführen soll. Vorbild ist dabei das niedersächsische Koordinierungszentrum Moorbodenschutz.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung von Paludikulturen – also der landwirtschaftlichen Nutzung wiedervernässter Moorflächen. Die Grünen wollen gezielt Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen für Paludi-Produkte aufbauen und die Nutzung nachwachsender Baustoffe aus Moorbiomasse voranbringen. Konkret geht es etwa um Dämmstoffe, Baustoffe oder biobasierte Materialien aus Schilf, Seggen oder Rohrglanzgras.
Zudem sprechen sich die Landtags-Grünen dafür aus, das Potenzial von Moor-Photovoltaik stärker zu nutzen. Durch die Kombination aus Wiedervernässung und Freiflächen-Photovoltaik könnten Klimaschutz, erneuerbare Energieerzeugung und zusätzliche Einkommensperspektiven für landwirtschaftliche Betriebe miteinander verbunden werden.
Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende:
„Moorschutz ist eine der größten Chancen, Klimaschutz, Artenvielfalt und eine starke Landwirtschaft zusammenzubringen. Bayern hat hier enormes Potenzial – doch dafür braucht es endlich mehr Tempo, klare politische Prioritäten und verlässliche Rahmenbedingungen. Unser Ziel ist, dass Regionen wie das Donaumoos zu Vorreitern einer modernen und wirtschaftlich erfolgreichen Moorpolitik werden.“
Patrick Friedl, Sprecher für Naturschutz und Klimaanpassung:
„Wiedervernässte Moore schaffen neue Einkommensquellen für den ländlichen Raum: durch Paludikulturen, Moor-Photovoltaik – unterstützt durch eine starke Mooragentur. So verbinden wir natürlichen Klimaschutz, Artenvielfalt und moderne Landwirtschaft mittels neuer Wertschöpfungsketten. Entscheidend ist jetzt, Forschung, Förderung und Vermarktung von Paludi-Produkten endlich zusammenzuführen. Hier ist die Staatsregierung gefordert.“
Ulla Eller, Landwirtin im Donaumoos:
„Seit den 1990er Jahren kann man die Emissionen aus trockengelegten Mooren exakt beziffern. Unter den Aspekten, dass nasse Moore eine CO₂-Senke darstellen können, dem Zeitfaktor, dem ökonomischen Grundprinzip und somit der Verantwortung für die nachfolgenden Generationen, erscheint es geradezu fahrlässig, dass man die jetzt noch geeigneten Flächen nicht ihren Besitzern großzügig abfindet, um diese Flächen unmittelbar einer Vernässung zuführt.”
Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender LBV:
„Die Wiedervernässung trockengelegter Niedermoore ist ein großer Gewinn für die Natur und wirkt sich sehr deutlich auf die Reduktion klimaschädlicher Treibhausgase aus. In den vergangenen Jahren wurden bereits mit beeindruckenden Ergebnissen im Donaumoos einige Flächen wiedervernässt. Um die von der Staatsregierung gesetzten Ziele der Wiedervernässung von 2000 Hektar trockengelegter Niedermoore im Donaumoos bis 2030 und 55.000 Hektar in ganz Bayern bis 2040 zu erreichen, müssen die Aktivitäten deutlich intensiviert werden. Nur wenn es uns gelingt, unsere Moore wiederzuvernässen und damit den Ausstoß von klimaschädlichem CO₂ deutlich zu reduzieren, kann es Bayern gelingen, klimaneutral zu werden.“
Annemarie Räder, stellv. Landesbeauftragte des BUND-Naturschutz in Bayern:
„Moorschutz ist zentraler Klimaschutz und aktiver Artenschutz zugleich. Dass entwässerte Moore in Bayern rund sechs Prozent der Treibhausgasemissionen verursachen, obwohl sie nur einen Bruchteil der Fläche ausmachen, zeigt die enorme Hebelwirkung. Wir brauchen jetzt einen echten Aufbruch: deutlich schnellere und großflächigere Grundwasseranhebungen und verlässliche Unterstützung für unsere Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung auf moorverträgliche Nutzung. Erfolgreiche Projekte zeigen, dass es geht. Um die globalen Klimaziele zu erreichen, müssen in Deutschland jährlich mindestens 50.000 Hektar Moorböden wiedervernässt werden, in Bayern wären das 6.000 Hektar. Moor-Renaturierung ist auch nötig, um das Artensterben zu stoppen und die Biodiversitäts-Verpflichtungen zu erreichen.“
Gerhard Schoder, Oberbürgermeister Neuburg an der Donau:
„Moorschutz ist Klimaschutz direkt vor unserer Haustür. Mit dem Donaumoos haben wir in Süddeutschland eines der größten zusammenhängenden Moorgebiete, das noch gerettet und wieder zu einem starken CO₂-Speicher entwickelt werden kann. Darin liegt eine enorme Verantwortung, aber auch eine große Chance für unsere Region. Wenn es uns gelingt, Wasser in der Landschaft zu halten, Moorböden zu schützen und zugleich tragfähige Perspektiven für die Landwirtschaft zu schaffen, dann wird das Donaumoos zu einem echten Zukunftsprojekt: für den Klimaschutz, für die Artenvielfalt und für kommende Generationen.
Dafür brauchen wir aber auch klare Unterstützung aus den zuständigen Ministerien. Die teils widersprüchlichen Ziele von Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Klimaschutz müssen politisch und fachlich zusammengeführt werden, wie es der Donaumooszweckverband im Stammbuch stehen hat: Nur so können vor Ort praktikable Lösungen entstehen. Und natürlich braucht es dafür auch verlässliche finanzielle Mittel: für den Erwerb von Flächen, für konkrete Maßnahmen und für faire Perspektiven der Betriebe. Deshalb ist es so wichtig, dass die Grüne Landtagsfraktion morgen im Haus im Moos vor Ort ist, zuhört und gemeinsam mit den Menschen in der Region über konkrete nächste Schritte spricht.“
Dr. Johann Habermeyer, stellvertretender Landrat des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen:
„Als Landrat und auch als Landwirt weiß ich, wie wichtig es ist, ökologische Ziele und die berechtigten Interessen der Landwirtschaft zusammenzubringen. Das Donaumoos ist dabei eines der bedeutendsten Zukunftsprojekte unserer Region. Die Moorflächen dieses für unsere Heimat prägenden Naturraums leisten einen wichtigen Beitrag für Klima-, Arten- und Gewässerschutz. Gleichzeitig brauchen wir Lösungen, die in der Praxis funktionieren und den Betrieben vor Ort Entwicklungsperspektiven eröffnen. Deshalb unterstützt der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen den offenen Austausch über Wiedervernässung, innovative Nutzungsformen und regionale Wertschöpfung. Die Führung der Grünen Landtagsfraktion im Haus im Moos bietet eine gute Gelegenheit, die komplexen Zusammenhänge vor Ort kennenzulernen und mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen.“
Die Landtags-Grünen betonen, dass Moorschutz nicht allein als Naturschutzprojekt verstanden werden dürfe. Entscheidend sei ein Ansatz, der Klimaschutz, Landwirtschaft, regionale Wertschöpfung und Innovation miteinander verbinde. Gerade Regionen wie das Donaumoos könnten dabei zu Modellregionen einer modernen Moorwirtschaft werden.
Hinweis:
Hier finden Sie alle Grünen-Anträge:
Antrag Moorschutz stärken, überragendes öffentliches Interesse feststellen
Antrag Moorwirtschaft in Bayern – Landnutzung neu denken, Klima schützen, Wertschöpfung aufbauen
Antrag Die Mooragentur: eine Koordinierungszentrale für die Moorwirtschaft in Bayern
Antrag Klimaschutz, Naturschutz und nachhaltige Energieerzeugung vereinen –
Zukunftstechnologie „Moor-PV“ in Bayern voranbringen
Antrag Bedeutung von Erzeugnissen aus Paludikulturen im Rahmen der Bayerischen Bioökonomiestrategie
Antrag Förderung von nachwachsenden Baustoffen aus Paludikulturen –
Beschleunigung der Markteinführung in Bayern